Der erste badische Aufstand von 1848

Der folgende Text erinnert an den politischen Lyriker Georg Herwegh und seinen gescheiterten Versuch, mit der in Paris aufgestellten Deutschen Demokratischen Legion den badischen Republikanern zu Hilfe zu kommen. Der Artikel erschien in der "Volksstimme" (Sissach/Baselland) vom 30. April 1998.

Ein Dichter greift zum Säbel

Nach der Niederlage des badischen Aufstandes entzogen sich der Dichter und Revolutionär Georg Herwegh und seine Frau Emma am 27. April 1848 mit einer abenteuerlichen Flucht nach Rheinfelden ihren Verfolgern.

Martin Stohler

Der Plan der badischen Republikaner um Friedrich Hecker und Gustav Struve war einfach und leicht nachzuvollziehen. Im badischen Seekreis, wo sie mit grossen Sympathien für den Kampf um die freie Republik rechneten, sollte ein bewaffneter Aufstand entfacht werden. Dieser, so hofften die Revolutionäre, würde dann auf das übrige Baden übergreifen und schliesslich Erhebungen in ganz Deutschland auslösen.

Mit diesem Vorgehen wollten sie das Steuer herumreissen und verhindern, dass die revolutionären Energien wirkungslos verpufften. Durch die Pariser Februar Revolution ermutigt, hatten sich nämlich am 5. März 1848 in Heidelberg 52 Liberale aus Südwestdeutschland getroffen und in einer Proklamation das deutsche Volk, das damals auf diverse Einzelstaaten verteilt war, zur sofortigen Wahl einer Nationalversammlung aufgerufen (1). Deren Aufgabe sollte es sein, Deutschland eine Verfassung zu geben und mit dieser die Einheit und Freiheit. Ein vom Heidelberger Treffen bestimmter Siebnerausschuss lud darauf am 12. März alle deutschen Parlamente ein, auf den 30. März zur Durchführung eines Vorparlaments Vertreter nach Frankfurt zu schicken. Dieser Aufforderung widersetzte sich nicht eine der deutschen Regierungen, und am festgesetzten Tag fanden sich in der Frankfurter Paulskirche 511 Mitglieder der zahlreichen deutschen Volksvertretungen ein. Diese Delegierten konstituierten sich als sogenanntes Vorparlament. Dessen Verhalten zeigte indessen rasch, dass die entschiedenen Republikaner deutlich in der Minderheit waren und die Mehrzahl die Einigung des deutschen Reichs auf bundesstaatlicher Grundlage unter einer konstitutionell monarchischer Verfassung durchführen wollte (2). Dieser Entwicklung sollte der von Hecker und Struve angeführte badische Aufstand nun entgegenwirken.

Herweghs Freischar

Die französische Februarrevolution erfüllte nicht nur in Baden die Republikaner mit Enthusiasmus, sondern weckte auch in Paris in manchem deutschen Handwerksgesellen das Verlangen, etwas für die Sache der Freiheit zu tun. Mehr als 4000 Teilnehmer soll am 6. März 1848 eine Versammlung der deutschen Demokraten, wie sich die Republikaner auch nannten, in der französischen Metropole angezogen haben. Und zwei Tage später waren es 6000 Demonstranten, die vor dem Pariser Stadthaus von einem sozialistischen Mitglied der Provisorischen Regierung empfangen wurden. Mit Versammlungen und Demonstrationen wollten sich die Deutschen in Paris auf Dauer allerdings nicht zufriedengeben. Und so wurde die Aufstellung einer Truppe von Freiwilligen mit dem Namen Deutsche Demokratische Legion beschlossen, die den Kämpfern für eine Republik in der Heimat zu Hilfe kommen sollte.

Während die militärische Leitung der Expedition bei den drei ehemaligen Offizieren Börnstein, Corvin und Löwenfels lag, hatte man die politische Führung dem bekannten Freiheitsdichter Georg Herwegh übertragen.

Herwegh war am 31. Mai 1817 als Sohn eines Gastwirts in Stuttgart geboren worden. Ein juristisches Studium brach er 1837 nach kurzer Zeit ab, um sich ganz auf die Mitarbeit bei literarischen Zeitschriften zu konzentrieren. In den beiden folgenden Jahren hatte er Probleme mit dem Militär; dies veranlasste ihn schliesslich, sich in die Schweiz abzusetzen, wo er sich in den Kreisen der radikalen deutschen Emigranten aufhielt und Artikel für Zeitschriften schrieb. 1841 veröffentlichte er unter dem Titel «Gedichte eines Lebendigen» eine Sammlung politischer Zeitgedichte, mit denen er insbesondere in Deutschland Furore machte.

Nach Reisen durch Deutschland und Aufenthalten in Paris wollte Herwegh sich 1843 in Zürich niederlassen – doch der konservativen Zürcher Regierung war der radikale Deutsche suspekt, und sie wies ihn aus. Darauf erwarb sich Herwegh das Baselbieter Bürgerrecht.

Kurz zuvor hatte er in Baden (AG) mit Emma Siegmund, der Tochter eines reichen Berliner Seidenwarenhändlers, den Bund fürs Leben geschlossen. Einer der vier Trauzeugen war übrigens der drei Jahre ältere Michail Bakunin, den Herwegh auf einer seiner Reisen kennengelernt hatte. Trotz Baselbieter Bürgerrecht liessen sich Emma und Georg Herwegh nach ihrer Hochzeitsreise in Paris nieder.

Keine Nachricht von Hecker

Das Unternehmen der Deutschen Demokratischen Legion stand von Anfang an unter keinem günstigen Stern.

Die Provisorische Regierung Frankreichs hatte zwar ihre Unterstützung in Aussicht gestellt. Als sich die deutschen Demokraten dann aber anschickten, die Legion aufzustellen, da soll die Provisorische Regierung lediglich 5000 Francs locker gemacht haben; Waffen waren von ihr keine zu bekommen. Entsprechend mangelhaft war die Ausrüstung der Streitmacht. Nur etwa die Hälfte der zirka 1000 Freischärler, die sich bis Mitte April in Strassburg einfanden, verfügten über Gewehre, darunter viele von zweifelhafter Qualität. Der Rest hatte sich, soweit sie nicht irgendwo eine Pike, einen alten Säbel oder eine Pistole aufgetrieben hatten, mit der klassischen Revolutionswaffe ausgerüstet: der Sense.

Ein weiteres Problem war die Kommunikation mit Friedrich Hecker. Der badische Revolutionsführer liess nämlich nichts von sich hören. Da reiste Emma Herwegh am 14. April kurz entschlossen mit der Bahn nach Basel und von dort mit der Post nach Schaffhausen. Tags darauf gelang es ihr, den vorrückenden Hecker in Engen zu treffen. Hecker verhielt sich jedoch ausweichend. Anscheinend kam ihm die Unterstützung der aus dem Ausland aufmarschierenden Deutschen Demokratischen Legion nicht ganz gelegen. Hecker versprach aber, dass er Herwegh wissen lassen würde, wo sich ihre Truppen vereinigen sollten. Darauf reiste Emma Herwegh nach Strassburg zurück. Dort wartete man allerdings auch fürderhin vergeblich auf Heckers Nachricht.

Als die Legion sich allmählich zu zerstreuen begann, weil die einen die Lust an der Sache verloren, die andern aber auf eigene Faust losschlagen wollten, machte sich Emma Herwegh am 18. April erneut auf die Suche nach Hecker und seinen Leuten. In der Nacht des 19. Aprils fand sie ihn in Kandern.

Hecker blieb weiterhin unbestimmt; schliesslich sagte ihr Theodor Mögling, der zu Heckers Stab gehörte, die Legion solle sich am 22. April bei Banzenheim einfinden, einem elsässischen Ort unweit des Rheins etwa in der Mitte zwischen Freiburg und Basel.

Zur vereinbarten Zeit war von Heckers Leuten nichts zu sehen. Erst am Abend des 23. April erhielt Herwegh eine Nachricht von einem Mitkämpfer Heckers. Und so setzte die Legion dann nach Mitternacht mit Schiffen, die französische Sympathisanten für sie bereitgestellt hatten, über den Rhein.

Der Plan misslingt

Als Herweghs Leute endlich deutschen Boden unter den Füssen hatten, war der badische Aufstand weitgehend niedergeschlagen.

Heckers Plan hatte darin bestanden, von Konstanz aus auf geradem Weg nach Karlsruhe zu marschieren und dort für Baden und bald für ganz Deutschland die Republik auszurufen. Während ihres Zuges – so die Hoffnung der Republikaner – würden die Volksmassen zu ihnen übergehen und das alte Staatsgemäuer in sich zusammenstürzen lassen. Die Dinge entwickelten sich indessen nicht nach Plan. Eine politische Versammlung Heckers in Konstanz zog am 12. April zwar viele Leute an. Als Hecker aber am folgenden Tag losmarschierte, begleiteten ihn keine 60 Mann. Weitere Trupps unter dem Kommando von Weisshaar und Sigel sollten nachfolgen und später zu Hecker stossen. Dieses Vorgehen führte zu einer Zersplitterung der ohnehin nicht allzu schlagkräftigen Streitmacht. Da der Zustrom von Freischärlern während des Marsches nicht im erhofften Masse erfolgte und in der Zwischenzeit die von der badischen Regierung angeforderten 5000 württembergischen Soldaten eingetroffen waren, war das Schicksal des Aufstands bald einmal entschieden. Heckers Schar wurde am 20. April bei Kandern geschlagen, Weisshaars Haufen wurde am gleichen Tag bei Steinen zerstreut.

Sigel war zu diesem Zeitpunkt auf dem Marsch nach Totnau. Bis am 23. April wartete er dort auf Zuzüger von Hecker und Weisshaar, um dann gegen Freiburg zu ziehen. Doch Freiburg war bereits von Soldaten besetzt, und nach einem kurzen Gefecht schlug sich auch Sigels Trupp in die Büsche.

Fluchtpunkt Rheinfelden

Herweghs Leuten wurde bald einmal klar, dass sie auf verlorenem Posten standen und ihnen nur der Rückzug in die Schweiz übrigblieb. Dieser führte sie durch schwieriges Gelände und über Pässe, auf denen zum Teil noch Schnee lag. Am 26. April erreichte die Legion Zell. Von dort sollte es über Oberdossenbach und Riedmatt nach Rheinfelden gehen. Als die Schar indessen am Morgen des 27. Aprils bei Oberdossenbach rastete, wurde sie von württembergischen Soldaten aufgespürt. Das kurze Gefecht wurde zugunsten der regulären Truppen entschieden.

Herwegh, auf dessen Kopf die badische Regierung 4000 Gulden gesetzt hatte, gelang zusammen mit seiner Frau über Waldwege die Flucht nach Karsau. Dort hielten die beiden sich zunächst in einem Saatfeld versteckt, dann verbarg sie ein Bauer namens Bannwart hinter seinen Fässern vor den württembergischen Uhlanen. Nach dem Abzug der Reiter schnitt Herwegh seinen stolzen Bart ab; während die Soldaten weiter nach ihm suchten, arbeiteten er und Emma in Bauernkleidung auf dem Felde.

Nach Sonnenuntergang fuhr der Bauer mit einem Ochsenkarren nach Rheinfelden. Die beiden begleiteten ihn zu Fuss. In ihrer Verkleidung gelang es ihnen, am württembergischen Posten vorbei über die Brücke und damit in Sicherheit zu gelangen.

Um Herwegh zu diskreditieren, wurde von seinen Gegnern später eine andere Version seiner Flucht unter die Leute gebracht: Als das Gefecht bei Oberdossenbach begann, sei ihm der Mut so gesunken, dass er sich, unter einem Spritzleder verborgen, von seiner Frau auf einem Bauernwagen durch die feindlichen Reihen habe fahren lassen.

Möglings List

Von Rheinfelden aus setzte im übrigen Theodor Mögling, ein gewitzter Mann aus Heckers Stab, eine piffige Kriegslist ins Werk. Nach dem verlorenen Gefecht bei Kandern hatte er sich ebenfalls in die Schweiz abgesetzt. Als er am folgenden Tag, dem 21. April, vernahm, dass der Revolutionsführer Gustav Struve beim Versuch, bei Säckingen die Rheinbrücke zu überschreiten, von den badischen Behörden verhaftet worden sei, kam er dem gefangenen Agitator nicht mit Pistole und Säbel, sondern mit Feder und Papier zu Hilfe. In einem Brief drohte er dem Säckinger Oberamtmann Schey, er werde mit 4000 Mann im Städtchen einrücken, wenn Struve nicht sofort freigelassen würde. Der Schweizer Bube, der den Brief dem Oberamtmann überbrachte, steuerte seinerseits mündlich weitere Details über die lediglich auf dem Papier existierende Truppe bei, und so kam Struve zu seiner nicht geringen Überraschung unerwartet frei.

Letzte Ruhe in Liestal

Georg und Emma Herwegh gingen nach dem missglückten Aufstand nach Paris zurück. Später lebten sie wieder in der Schweiz, zunächst in Genf, dann in Zürich. Von dort musste Herwegh 1866 erneut fliehen, diesmal allerdings nicht vor nachsetzenden Soldaten oder der politischen Polizei, sondern vor seinen Gläubigern. Verarmt lebte er bis zu seinem Tod im Jahre 1875 in Baden-Baden; auf seinen Wunsch wurde er in Liestal «in freier Erde» begraben. 1904 errichtete ihm hier in der Baselbieter Kantonshauptstadt ein Initiativkomitee aus Kreisen des Deutschen Arbeitervereins Basel und des Allgemeinen Arbeitervereins Liestal ein Denkmal, das noch heute zu sehen ist. Emma Herwegh starb 1904 in Paris; ihre letzte Ruhestätte fand sie ebenfalls in Liestal.

Einen großen Bekanntheitsgrad genießt Dossenbach im Zusammenhang mit der Badischen Revolution 1849.

Im Zuge der besonders im deutschen Südwesten aufkommenden revolutionären Unruhen zu Ende der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, entstand im Februar des Jahres 1848 –nach dem Sturz des französischen Bürgerkönigs Louis Philippe- in Paris die „Deutsche Demokratische Gesellschaft“. Pärsident dieser aus deutschen Emigranten (Arbeiter u. Handwerker ohne soziale Sicherheit) bestehenden Vereinigung wurde Georg Herwegh.

Als in Baden unter der Führung der radikalen abgeordneten Friedrich Hecker und Gustav Struve ein Volksaufstand gegen den Großherzog in Karlsruhe in die Wege geleitet wurde, erwuchs aus der „Deutschen Demokatischen Gesellschaft“ die „Deutsche Demokratische Legion“ mit dem Ziel, die Revolution militärisch zu unterstützen. Die politische Führung der Legion oblag Georg Herwegh. Die militärische Leitung der Truppe lag in den Händen von ehemaligen preußischen u. österreichischen Offizieren.

Kurfassung:

Mit der Deutschen Demokratischen Legion aus Paris versucht der Dichter Georg Herwegh den badischen Revolutionären zur Hilfe zu eilen. Das Unternehmen scheitert an der Abstimmung mit Friedrich Hecker und endet in der Flucht vor den Soldaten, Exil und Armut:

Die Legion marschierte in zwanzig Tagen von Paris nach Straßburg. Am 24.04.1848 setzten die Freiheitskämpfer ca. 100 Kilometer südlich von Straßburg bei Kleinkems über den Rhein auf badisches Gebiet. Heckerts Aufstand war inzwischen blutig niedergeschlagen worden. Auf ihrem Weg Richtung Schweiz gelangten die Freischärler am 27. April 1848 nach Dossenbach, wo württembergisches Militär auf sie stieß und sofort das Feuer eröffneten.

Oberhalb des Ortes kam es zur „Schlacht von Dossenbach“, bei der die rund 600 Legionäre den württembergischen Truppen nach tapferem Kampf unterlagen. Reinhard Schimmelpfennig, der Anführer der Sensenabteilung, hatte sich mutig gewehrt, fiel aber, wie neun seiner Kameraden, unter den Schüssen und Bajonettstichen der Soldaten. Viele der Freischärler wurden gefangengenommen, andere entkamen unter Lebensgefahr in die nahe Schweiz. Herwegh und seiner Frau Emma gelang unter Mithilfe des Karsauer Bauern Jakob Bannwarth die Flucht über die Rheinbrücke in das schweizerische Rheinfelden.  

Das Gefecht bei Dossenbach bedeutete das Ende der Pariser deutsch-demokratischen Legion.

Auf dem Friedhof in Dossenbach ist noch das Grab der zehn gefallenen Legionäre zu sehren. Außerdem wurde eine Straße nach Herwegh benannt. Die Herwegh-Straße führt zum heute noch einsehbaren Schlachtfeld.

Hinweis auf die Wanderrouten, die 150 Jahre nach der Revolution den Weg der Revolutionäre von 1848/1849 nachziehen sollen. (Landeszentrale für politische Bildung).


(1) Die Erklärung der Heidelberger Versammlung ist abgedruckt in Walter Grab, Die Revolution von 1848/49. Eine Dokumentation (Reclam Stuttgart 1998), S. 34 ff.

(2) Die Beschlüsse des Vorparlaments vom 31. März sowie 1. bis 4. April finden sich bei Grab S. 52 ff.

Verwendete Literatur: Bruno Kaiser: Die Schicksale der Bibliothek Georg Herweghs, Liestal 1945. Festschrift zur Einweihung des Georg-Herwegh-Denkmals, Basel 1904. Victor Fleury: Le Poète Georges Herwegh, Paris 1909. Martin Leuenberger: Frei und gleich… und fremd. Liestal 1996. Paul Siegfried: Basel und der erste badische Aufstand im April 1848 (104. Neujahrsblatt), Basel 1926.



© Martin Stohler

 

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